NEOS Mach´ mit

Politik – mit Eis am Stil

  Matthias Strolz  am 21.06.2012

Heute war mein Papa-Tag im Kindergarten. Die Kindergartenkinderväter gestalten jeweils einen Vormittag für die Kleinen – machen mit ihnen etwas, was mit ihrem Beruf zu tun hat oder etwas, was sie gerne machen. In manchen Fällen fällt das zusammen. Glück gehabt. Nona, in meinem Fall war Politik angesagt. Doch wen interessiert Politik? Kinder etwa? Das Thema will originell eingetütet sein, sonst geht da wohl gar nichts. Papa bemüht sich. Wir hatten eine gute Zeit. Aufschlussreich. Wie ging’s konkret?

Im Rahmen einer Schnitzeljagd mit der Kuhgruppe, der Katzengruppe und der Flugdinosauriergruppe fanden diese jeweils einen Schatz. Der enthielt – neben Gummibärchen (kleine Geschenke erhalten die Freunschaft) – jeweils zehn Euro. Davor hatten wir schon über Politik gesprochen. “Hat jemand das Wort schon mal gehört?” Hm, unsere Ältere. Und ein anderes Mädchen. Essen kann man es nicht, aber Genaueres war nicht zu erfahren. Ich erzähle ein wenig. Etwas holprig: “Also, im Leben kann man nicht immer alles haben. Oder nicht immer alles gleichzeitig.” Soweit verstanden, geht mich aber nix an. Aha, dann machen wir’s konkret. Also: “Du willst ins Schwimmbad. Dein Bruder will auf den Fußballplatz. Was passiert nun?” Drei Antworten: “Wir streiten.” “Mama entscheidet.” “Wir gehen auf den Fußballplatz.” Wir kommen der Sache näher. Mein Einsatz: “So ähnlich ist Politik. Es geht darum, gemeinsam die Dinge zu besprechen und Entscheidungen zu treffen.”

Okay, da sitzen wir nun eine Stunde später mit den Gummibären, den Euromünzen und drei Bildern, die bei den Schätzen dabei waren. Die Kinder haben drei Möglichkeiten, die 30 Euro zu investieren: Für das Ithuba-Schulprojekt von Christoph Chorherr in einem südafrikanischen Township, für die Anschaffung eines Schulbusses in Afghanistan oder für die Anschaffung von 20 Twinnis im Sinne der Selbstversorgung.

Erster Abstimmungsdurchgang: Twinni-Option gewinnt haushoch. Bus bekommt fünf Stimmen (inklusive Pädagoginnen) und Schulbau bekommt drei Stimmen (inklusive meine). Hm, was tun? Jetzt beginnt “die demokratische Manipulation”. Natürlich stimmt man gelegentlich öfter ab – im Parlament, in Europa oder daham –, bis das rauskommt, was sein soll. Also, rein in die Diskussion. Jede und jeder in der Runde erzählt, warum er oder sie so abgestimmt hat. Die Argumente für die Twinni-Option sind authentisch bis kreativ: “Weil’s so ur-lecker ist.” “Weil mir dann nicht mehr so schrecklich heiß ist.” “Weil ich sonst verhungere.” Kinder-Stammtischlogik: Was brauch i an Schulbus für die Afghanen, ich schwitz eh scho vo allan.

Keines der Kinder war um Argumente verlegen. Natürlich die Pädagoginnen und ich auch nicht. Moralkeule inklusive. Von der die Kids allerdings unbeeindruckt waren. Anyway, Demokratie ist auch Kompromiss. Die letzte Abstimmung legte fest: Ein halbes Twinni für jeden von uns. Das restliche Geld für den afghanischen Schulbus.

Am Abend kam die jüngere unserer zwei Kindergartenkidis zu mir und fragte: “Was ist Politik?” Sie hatte es schon wieder vergessen. Aber das Wort beschäftigte sie gerade. Auf die Frage, was heute das Beste im Kindergarten war, die Abkühlung: “Das Eis, Papa.” Die Ältere sitzt interessiert vor der ZIB und zeigt auf den Faymann: “Schau, der spricht immer, Papa.” Sie ahnt, dass das was mit unserem heutigen Thema zu tun hat. Der Mama erklärt sie: “Also, Politik ist halt so … man redet miteinander, man streitet, dann entscheidet man. Und dann ist es halt so.” Botzblitz. Papa’s Augen leuchten. ***

Here we go:
Der afghanische Schulbus
Chorherrs Schulprojekt


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